Garcias Review: PLAN B – SCHEISS AUF PLAN A

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Ich hatte mir schon kecke, für Facebook-Posts knackig verpackte Sprüche überlegt für die unvermeidliche Enttäuschung, die „Plan B“ werden sollte, nachdem mir dessen Social-Media-Kampagne mehr auf die Zwiebel ging als dass sie mich euphorischer gemacht hatte. Dass ich bei Facebook-Auftritten von Filmen auf den „Gefällt mir“-Button drücke, ist auch eher selten, da die Redaktion dahinter meist im Auftrag des Verleihs tätig ist oder der Marketingabteilung des Studios angehört. Dementsprechend wird, wenn die Auswertungsphase sich ihrem Ende neigt und die Kuh gemolken ist, der geneigte Fan der Seite mit Werbung für andere Veröffentlichungen des Verleihs oder der Produktionsfirma penetriert. Jedenfalls habe ich die FB-Seite dieses Films geliked, damit er im Gedächtnis bleibt und mir der Kinostart nicht durch die Lappen geht. Als ich den Trailer zum ersten Mal sah, gefiel er mir auf Anhieb. Mir war aber auch klar, dass es sich hierbei um einen Genre-Film handelt, der nur eine bestimmte Nische ansprechen wird. Eine Martial-Arts-Action-Komödie aus Deutschland. Das für den Otto-Normal-Besucher einzig Vertraute und wohl auch überzeugendste Argument in dieser Kategorisierung ist das Wort „Komödie“. Ein Genre, das die größten Erfolgschancen hat, beim deutschen Publikum Interesse zu wecken, wenn es sich dabei auch noch um einen Film aus dem Heimatland handelt. Aber Martial Arts? Action? Und eine Besetzung, die fast durch die Bank weg nur unbekannte Gesichter zu bieten hat? Kann das funktionieren, ohne zu verkopft und bemüht zu sein?

Wie anfangs erwähnt, hat mir die Kampagne im sozialen Netzwerk einen ordentlichen Euphoriedämpfer verpasst und nach dem ersten, sehr positiven Eindruck die Skepsis steigen lassen. Zu sehr hat sich der Stil der gestreuten Clips an ein Publikum gerichtet, das in erster Linie gar nicht der Kernzielgruppe angehört. Bereits der Trailer hat mit Verweisen an „Beverly Hills Cop“, „Die City Cobra“ und „Michael Jackson’s Thriller“ deutlich gemacht, dass es sich um eine Hommage an Filme und popkulturelle Phänomene aus einer Zeit handelt, in der die meisten User gerade mal auf die Welt kamen. Nur eine subjektive Einschätzung und no offense gegenüber dem Prozentsatz unter den Jugendlichen, der das Kino der 80er- und 90er-Jahre zu schätzen weiß. Letztendlich galt es, die Leute zu überzeugen, die fürs Kinoticket bezahlt haben.

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Entsprungen aus einem 80er-Italo-Film: Can (© Twentieth Century Fox of Germany GmbH)

Mit gesenkten Erwartungen und meinem Kumpel Bastian also zur Abendvorstellung ins Kino gegangen und dort schmetterte uns schon der erste Tritt ins Gesicht, noch bevor im Film ausgeteilt wurde: ein leerer Saal, beschallt mit bedeutungsschwangeren Worten aus Tupacs Mund. Hier hat die Trailerplatzierung von „All Eyez On Me“ ihre volle Wirkung gezeigt. Sollte ich nun schadenfroh sein, in der Hoffnung, dass es der Film verdient hat oder mir Gedanken machen, weil sich keine Sau für einen weiteren Genre-Film, einem erneuten Versuch, die Vielfalt des jungen deutschen Kinos zu untermauern, interessiert? Leider letzteres.

Nach einer gelungenen Eingangssequenz, die vom Radikalen ins Selbstironische driftet, folgte der knapp 100-minütige Beweis, dass es doch geht. Deutscher Humor funktioniert, ohne lächerlich zu sein. Deutsche Action funktioniert, ohne krampfhaft zu sein. Der deutsche Film funktioniert, ohne amerikanisch sein zu wollen. Klar, seine Referenzen bezieht er größtenteils mit Vorliebe aus US-Filmen, aber die Regisseure Michael Popescu und Ufuk Genc sowie Drehbuchautor Rafael Alberto Garciolo machen trotzdem ihr eigenes Ding. Und das ist witzig, frisch, unverbraucht, etwas holprig, nicht fehlerfrei, aber steckt dafür voller Herzblut. Jede Menge mal offensichtlicher, mal subtiler Referenzen erfreuen den Fan filmischer Popkultur der letzten beiden Dekaden des vergangenen Jahrhunderts. Der Soundtrack, für den Regisseur Popescus Alter Ego Michael Knight gemeinsam mit Richard Blaze als Knightblaze galant in die Tasten haut, könnte als unveröffentlichtes Material einer Extended Edition des „Beverly Hills Cop“-Soundtracks von Harold Faltermayer durchgehen und lässt den charmanten Synthesizer-Flair der 80er sogar gekonnter aufleben als es „Turbo Kid“ und „Kung Fury“ schafften.

Die Handlung bildet keine Ausnahme und verfügt über die gleiche, unbeschwerte Kurzweilig- und Leichtigkeit, die besonders dem 1980er-Kino anhaftet. Drei Typen, die in einer Nacht vier Etappen zu meistern haben, um ihren Freund aus den Fängen krimineller Knallchargen zu befreien. Jede Etappe bekommt ihren eigenen Stempel sowie Titel wie „Red Heat“ oder „Big Trouble in Little Istanbul“ aufgedrückt und zeigt nebenbei ein wildes Hinterhof-Berlin mit Charakter. Trotz stilistischer Eigenheiten, über die jede „Episode“ verfügt, funktioniert „Plan B“ als eine so harmonische Einheit, wie unsere vier Helden Can (Can Aydin), Phong (Phong Giang), Cha (Cha-Lee Yoon) und U-Gin (Eugene Boateng) sie bilden. Auf ihren Wegen durch das urbane Berlin treffen sie, ganz zur Freude aller Liebhaber deutscher Rap-Musik mit Kraftausdrücken, auf eben jene Vertreter in selbstironischen Rollen. Frauenarzt und Manny Marc brennen mal nicht den Club ab, sondern lassen’s mit ’ner Molle ruhig angehen, während MC Bogy den Schuppen im Auge behält, um anschließend eins auf die Mütze zu bekommen. Und der aufmerksame Fan weiß über den sich anbahnenden Auftritt der vier Klosterschüler im Zölibat schon Bescheid, wenn er genau hinhört.

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„Plan B – Scheiß aufs ignorante Publikum“ ist ein weiterer Hoffnungsschimmer am blassen Horizont des jungen deutschen Genre-Films. Ein unterhaltsamer Streifen mit toll choreographierten Kampfszenen, sympathischen Figuren und rasanter Story sowie eine liebevolle Hommage von leidenschaftlichen Kennern und Fans, die so gute Laune verbreitet wie die besten Songs auf Phil Collins‘ tollem Album „No Jacket Required“ von 1985 (hab‘ ich kurz danach gehört und hat den Spirit des Films irgendwie perfekt eingefangen… fragt nicht, wieso)! Abzug in der B-Note gibt’s für die nicht vorhandene Montage …

 

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