Garcias Retrospektive: TAXI DRIVER

Aus dem Artikel 2016 – Ein Rückblick in 10er-Schritten: 1976

 

© Sony/Columbia
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„Hört zu, ihr Wichser, ihr Scheißköpfe. Hier ist ein Mann, der sich nicht mehr alles gefallen lässt. Ein Mann, der sich gegen den Abschaum, die Nutten, die miesen Schweine, den Dreck und die Scheiße wehrt … hier ist jemand, der sich wehrt!!!“

© Sony/Columbia
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Was kann man über einen Film schreiben, über den schon alles gesagt wurde, der sich bis heute fest in der Popkultur verankert hat, immer wieder zitiert wird und einer der großartigsten Filme von einem der besten Regisseure ist?

Harte Fakten oder einfach nur, warum er meiner Meinung nach einer der großartigsten Filme von Scorsese ist?

In Martin Scorseses Filmographie tummeln sich mehrere Werke, die ich uneingeschränkt empfehlen und immer wieder anschauen kann und in der Liste meiner Top-100-Lieblingsfilme (behaupte ich jetzt mal so; über eine solche Liste habe ich mir nie Gedanken gemacht) ihren Platz finden. „Goodfellas“ nimmt dabei die Spitzenposition ein. Danach folgen „Kap der Angst“, „The Departed“ und „Wolf of Wall Street“, die sich mit dem Gewinner der Palme d’Or beim Cannes Film Festival das Treppchen teilen.

Ähnlich wie bei Stanley Kubricks Filmen musste ich auch mit „Taxi Driver“ warm werden. Ich war zu jung, um ihn wirklich wertzuschätzen. Meine blutdurstigen Erwartungen an einen Actionthriller, der keiner war, wurden – bis auf den finalen Shootout – nicht erfüllt. Stattdessen bekam ich einen traumatisierten und paranoiden Taxifahrer, der die unterschiedlichsten Passagiere von A nach B bringt, einen Zuhälter, der mit Minderjährigen seinen Unterhalt verdient und einen öden Wahlkampf, in dessen Zuge ein Attentat auch noch schiefgehen muss.

Je älter ich wurde, umso mehr zog mich das sozialkritische Drama in seinen Bann. Die Attribute, die mir vorher missfielen und/oder langweilten, wandelten sich nun zu den Eckpfeilern, die den Film so spannend, unterhaltsam, unbequem und schlichtweg genial machten.
Ist doch klar, je mehr man von der Welt sieht, je mehr Facetten einem die Gesellschaft offenbart, je ausgereifter die Medienkompetenz und je vielseitiger der Bezug zum Medium Film wird, umso mehr gewinnt Scorseses Meisterwerk an Kraft, Brisanz, Authentizität und Identifikationspotenzial. Nicht, dass ich mich in der ambivalenten Figur des Travis Bickle hundertprozentig wieder erkenne, aber bestimmte Handlungsmotive, vereinzelte Passagen und das vermittelte Bild eines kaputten Systems, das sich gegenseitig auffressen muss, damit es wieder funktioniert, leuchten ein, wenn man sie in den richtigen kulturellen und  gesellschaftlichen Kontext stellt.
In einem solchen System gibt es keine klare Differenzierung zwischen Gut und Böse, kein Schwarz-Weiß-Denken. Zu komplex gestaltet sich das Miteinander, die Kommunikation und der Umgang mit den unterschiedlichsten Individuen. Drehbuchautor Paul Schrader hat diese Komplexität entworren und verständlich auf den Punkt gebracht, Scorsese hat es in Szene gesetzt und ein hervorragender Robert De Niro als Travis Bickle, dem personifizierten Widerspruch, perfekt verkörpert. Oder um sein kurzweiliges Date Betsy zu zitieren (die wiederum Kris Kristofferson zitiert): „He’s a prophet and a pusher, partly truth, partly fiction. A walking contradiction.“

© Sony/Columbia
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Dieser wandelnde Widerpruch scheitert zunächst, als er ein Attentat auf den Senator und Präsidentschaftskandidaten Charles Palantine verüben will, wird aber später von der Presse als Held gefeiert, weil er im Alleingang kriminelle Zuhälter erschossen und dadurch die 12-jährige Iris aus den Fängen der Prostitution befreit hat. Die Eltern, die sich daraufhin in einem Schreiben an Travis bei ihm bedanken und überglücklich sind, dass ihre Tochter wieder bei ihnen ist, werden gespielt von Scorseses realen Eltern, die desöfteren Cameo-Auftritte in den Filmen ihres Sohnes absolvierten. Auch der Maestro himself gönnt sich zwei Auftritte. Einmal auf der Treppe vorm Eingang des Wahlbüros und ein anderes Mal als wütender Fahrgast, der das Gesicht seiner fremdgehenden Frau mit einer 44er Magnum wegsprengen will.

© Sony/Columbia
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Dass Scorsese keinen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“ bekommen hat, verzeihe ich der Academy. Aber dass er nicht einmal nominiert wurde und dann auch noch sage und schreibe 30 Jahre auf seinen ersten und (bisher) einzigen Goldjungen warten musste, geht nicht in meinen Kopf. Aber was weiß die Academy schon, an der Qualität seiner Filme ändert dies jedenfalls nichts. Die ist bis heute auf hohem Niveau – und so hochwertig seine Filme sind, so wirkungsvoll und filmhistorisch relevant ist sein Klassiker auch nach 40 Jahren noch.

In Deutschland lief der Film am 7. Oktober 1976 an und behauptete sich unter den 20 erfolgreichsten Kinofilmen des Jahres . Bei seiner Kinoauswertung noch mit einer FSK18-Freigabe versehen, wurde der Film später für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben.

Der Trailer, unterlegt mit der atmosphärischen Musik von Bernard Hermann, vermittelt einen ganz guten – wenn auch recht langen – Eindruck vom Abschaum und Dreck, mit dem De Niro es zu tun hat.

Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums in den USA vor wenigen Monaten, brachte ‚The Hollywood Reporter‘ während des Tribeca Film Festivals das Team zusammen und führte dieses hochinteressante Interview.

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