Garcias Retrospektive: BLUE VELVET

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© MGM

Als „Blue Velvet“ am 19. September 1986 in die US-amerikanischen Kinos kam, wurde er überwiegend negativ besprochen. Erst nach und nach wurden positive Stimmen laut, die dem Film seine Brillanz anrechneten, die er verdient hat. Denn Regisseur David Lynch lief hier wieder zu Höchstform auf, nachdem seine Verfilmung von „Dune – Der Wüstenplanet“ sowohl von Kritikern als auch vom Publikum verrissen wurde. Selbst Lynch bezeichnet ihn als den einzigen Fehlgriff in seiner Karriere, ausgehend von der unglaublich langwierigen und problematischen Produktionsgeschichte von insgesamt sechs Jahren, von denen 3 1/2 Jahre David Lynch an dem Projekt arbeitete. Für die Adaption des Romans von Autor Frank Herbert verzichtete er sogar auf das Angebot, bei „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ Regie zu führen.

Es war die erste Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur, der vorher mit „Eraserhead“ und „Der Elefantenmensch“ auf sich aufmerksam machte, und dem Produzenten Dino De Laurentiis. Und alles deutete daraufhin, dass es auch die letzte sein sollte. Doch De Laurentiis wollte erneut mit dem sympathischen Kollegen zusammenarbeiten, also erzählte Lynch ihm von „Blue Velvet“. De Laurentiis konnte allerdings das veranschlagte Budget von 10 Millionen US-Dollar nicht auftreiben, also wurden alle Pläne vorerst auf Eis gelegt und die für Januar 1985 angesetzten Dreharbeiten gestrichen. Wenige Monate später erhielt Lynch einen Anruf von Filmmogul De Laurentiis, um das Projekt zu reaktivieren. Man müsse das Budget und Gehalt kürzen, dafür sollte Lynch volle künstlerische Freiheit genießen und sogar den Final Cut (ein Privileg, das nur wenige Regisseure genießen) anfertigen dürfen.

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Regisseur David Lynch, Laura Dern und Kyle MacLachlan © MGM

Die Dreharbeiten begannen im August 1985 in Wilmington, North Carolina. Kyle MacLachlan, mit dem Lynch vorher bei „Dune“ und wenige Jahre später bei „Twin Peaks“ zusammenarbeitete, übernahm die Rolle des neugierigen, voyeuristisch veranlagten Kleinstadt-Träumers Jeffrey Beaumont. Laura Dern, die von Lynch ebenfalls in späteren Werken wie „Wild At Heart“ und „Inland Empire“ besetzt wurde, spielte das leicht naive, liebenswerte All-American-Girl Sandy Williams, das sich in Beaumonts enthusiastische Pläne, Detektiv zu spielen, hineinziehen lässt. Für den abgründigen Gegenpart konnten Dennis Hopper als Frank Booth und Isabella Rossellini als Dorothy Vallens gewonnen werden.

Für Rossellini war es die zweite Schauspielarbeit in einem US-Film. Ihr amerikanisches Debüt gab sie in „White Nights“, in dem Helen Mirren mitspielt. Diese wurde wiederum in Betracht gezogen, die Rolle der Dorothy Vallens zu spielen, bevor Rossellini sie bekam.

Dennis Hopper hatte gerade einen Drogenentzug hinter sich und brauchte nicht nur die Arbeit, sondern liebte die Rolle des Frank Booth. Er war Frank! Die erste Szene, die Hopper und Rossellini gemeinsam drehten, sollte dann auch gleich die berühmt-berüchtigte Vergewaltigunsszene sein.

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© MGM

Ein mehr als ungewöhnlicher Beginn einer Arbeitsbeziehung, aber für diesen Regisseur gehört ‚ungewöhnlich‘ zur Konvention. Dafür hält sich Lynch während der Aufnahmen vorwiegend im Hintergrund, vertraut auf das Spiel seiner Pro- und Antagonisten und hat immer ein Ohr für neue Ideen und Anmerkungen. Denn eigentlich sollte Frank Booth in unregelmäßigen Abständen Helium inhalieren, damit seine Stimme höher und somit verrückter klingt. Hopper gefiel das nicht und er setzte durch, stattdessen etwas zu inhalieren, wonach man nicht wie ein Chipmunk klingt. Amylnitrat erzeugt einen kurzen Rauschzustand und wird häufig vor ungewöhnlichen sexuellen Praktiken genutzt. Der Hopper muss es wissen.

Ergänzt werden Cast und die Story durch die exzellente Besetzung der Nebenrollen. Brad Dourif, Jack Nance (bekannt aus Lynchs „Eraserhead“ und „Twin Peaks“) und Dean Stockwell. Letzter ist fabelhaft in dieser Szene, in der er Roy Orbisons „In Dreams“ zum Besten gibt:

Ursprünglich wies Roy Orbison David Lynchs Anfrage, den Song für den Film benutzen zu dürfen, zurück. Als der Sänger den Film später sah, änderte er seine Meinung und drehte ein Musikvideo, welches von Lynch produziert wurde und Szenen aus dem Film enthielt.

„In Dreams“ war nicht die einzige musikalische Hürde, mit der sich die Macher konfrontiert sahen. Für Bobby Vintons gleichnamigen Song – der von Lynch als Inspiration für den Film gilt – wollte man die teuren Lizenzen nicht bezahlen. Also lud man Vinton ins Studio ein und nahm den Song erneut auf. Da dieser jedoch, über 20 Jahre nach den Aufnahmen, nicht mehr so jungenhaft klang, kaufte man letztendlich doch die Rechte.

Ein weiterer Song war „Song To The Siren“ von This Mortal Coil. Es ist Lynchs absolutes Lieblingslied, doch auch hier stellten die hohen Lizenzgebühren ein finanzielles Problem dar. Also produzierte Komponist Angelo Badalamenti ein Lied, das sich an „Song To The Siren“ orientierte, engagierte Julee Cruise für die Vocals, die einem Engelsgesang gleichkommen sollten und herauskam das verträumte, schwerelose „Mysteries Of Love“, das ihr hier hören könnt:

 

Es war der Beginn von Badalamentis Zusammenarbeit mit Lynch.

Wie die Musik steht auch das Setting im völligen Kontrast zum verstörenden Geschehen, das sich hinter der Fassade einer scheinbar idyllischen, typisch amerikanischen Kleinstadt verbirgt. Dieser Gegensatz widerspiegelt sich in den Charakteren, allen voran in den von Isabella Rossellini und Dennis Hopper verkörperten Figuren. Rossellini spielt einen gebrochenen Charakter, der auf der Bühne glänzt, aber hinter den Kulissen längst nicht mehr den Glamour ausstrahlt, den er hatte, bevor der von Hopper gespielte Frank Booth ihr Kind entführte. Dieser tyrannisiert sie fortlaufend und zeigt in surrealen Momenten seine verletzliche Seite, die wohl einem Mutter-Komplex entspringt und ohne Vorwarnung im Ausleben perverser, krankhafter Fantasien resultiert.

Dieses Verhalten ist charakteristisch für den gesamten Film. „Blue Velvet“ funktioniert auf mehreren Ebenen und löst beim Betrachter unterschiedliche Gefühle aus. Unbehagen mischt sich mit Komik und Entsetzen mit Erlösung, wenn der lyncheske Surrealismus auf die heile Welt des konservativen Kleinstädters trifft.

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© MGM

„Blue Velvet“ pendelt sich irgendwo zwischen „Der Elefantenmensch“ und „Mulholland Drive“ ein, was die Zugänglichkeit betrifft. Dennoch waren sich die Produzenten, unter anderem auch Dino De Laurentiis, nachdem sie den Film zum ersten Mal sahen, nicht sicher, was man damit anstellen soll und wer den Film verkaufen soll. Also gründete De Laurentiis kurzerhand die De Laurentiis Entertainment Group und vertrieb den Film selber.

Bei einem Budget von knapp $6.000.000 spielte der Film in den USA etwa $8.500.000 ein. In Deutschland sahen fast 800.000 Kinozuschauer den Film. Damit konnte er sich in den deutschen Jahrescharts sogar noch vor „Predator“, „Der kleine Horrorladen“ und „Eine Familie zum Knutschen“ behaupten.

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