Der 29. April 1992 im Film

Es waren die größten Rassenunruhen in der US-amerikanischen Geschichte. Über 50 Tote, tausende Verletzte und Sachschäden in Milliardenhöhe. Die Ausschreitungen waren der Höhepunkt jahrzehntelanger Unterdrückung, staatlicher Vernachlässigung und polizeilichem Machtmissbrauch. Der unmittelbare Auslöser war das folgenschwere Urteil im berühmt-berüchtigten Rodney-King-Prozess.

Am 3. März 1991 liefern sich mehrere Streifenwagen eine Verfolgungsjagd mit einem weißen Hyundai durch die Straßen von Los Angeles. Als der Wagen gestoppt werden kann, widersetzt sich der stark alkoholisierte Fahrer Rodney King der Festnahme, woraufhin mehrere Polizisten unverhältnismäßig oft mit Schlagstöcken auf ihn einprügeln. Der Vorfall wird von einem Zeugen auf Video festgehalten, welches sich wenig später wie ein Flächenbrand auf allen Sendern des Landes verbreitet.

Aufnahmen des Vorfalls am 3. März 1991
Aufnahmen der polizeilichen Übergriffe vom 3. März 1991

Über ein Jahr später, am 29. April 1992, werden die vier beschuldigten Beamten von der aus überwiegend weißen Mitgliedern bestehenden Jury frei gesprochen. Ein Schlag ins Gesicht der schwarzen US-Bevölkerung, der schmerzhafter war, als die Polizeigewalt ein Jahr zuvor. Die Empörung führte zu Protesten, die Proteste zu gewaltsamen Aufständen von ungeahntem Ausmaß. Rodney King mag kein Unschuldslamm gewesen sein – sowohl vor als auch nach dem Vorfall wurde er straffällig – aber eine solche Entscheidung glich einer Kriegserklärung an alle Afroamerikaner.

„Falls sie ein Flugticket haben, benutzen sie es. Hier geht es bald zu wie im Wilden Westen!“, so die düstere Prophezeihung von Kings Anwalt nach dem Urteil.

Drei Filme, die sich der Komplexität des Vorfalls auf unterschiedliche Weise annehmen, sind Dark Blue von 2002 mit Kurt Russell, The L.A. Riot Spectacular von 2005 mit Snoop Dogg und Straight Outta Compton von 2015.

 

dark_blue_poster

Dark Blue beginnt mit den erwähnten Videoaufzeichnungen der Verfolgungsjagd und der anschließenden Eskalation. In dem Polizeithriller spielt Kurt Russell einen Cop in Los Angeles, der inmitten eines korrupten Polizeiapparates im Schutze seiner ebenso korrupten Vorgesetzten und Kollegen tun und lassen kann, was er will. Im Film spielt der Rodney-King-Vorfall keine direkte Rolle, sondern dient als Aufhänger, um die Machtverhältnisse innerhalb des Justizsystems zu beleuchten, Missbräuche aufzuzeigen und schließlich die Unrechtmäßigkeit darzulegen. Und während Eldon Perry (Russell) auf einer Zeremonie, an der dutzende Polizisten teilnehmen, geehrt wird, brennen in South Central bereits die Straßen.

© Tobis

Aus Budgetgründen spielt der Film vor dem Hintergrund der LA Riots. In James Ellroys Roman, auf dem Dark Blue basiert, spielt sich die Geschichte hingegen im 1965 von Unruhen geplagten Watts ab. In dem Stadtteil im südlichen Los Angeles kam es bereits in den 60ern zu ähnlichen Aufständen, die mehrere Leben, Verletzte und zerstörte Häuser forderten. History Does Repeat Itself!

 

© Universal Pictures International Germany GmbH

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet Regisseur F. Gary Gray die LA Riots in Straight Outta Compton. Das Biopic über N.W.A. begleitet die Bandmitglieder, vor allem aber Eazy-E, Dr Dre und Ice Cube auf ihrem Weg aus Compton an die Spitze der Musik-Charts, verbunden mit all den Problemen, die ihre expliziten und sozialkritischen Texte mit sich bringen. Es liegt in der Natur eines solchen Porträts, zu zeigen, woher der Einfluss und die Inspiration für ihre Songs kommen – und dass die Ursachen der Unruhen in L.A. viel weiter zurück liegen. Aufgewachsen inmitten einer von Gewalt dominierten, durch Drogen zugrunde gehenden und von der Polizei unterdrückten Parallelgesellschaft, ist es schwer bis unmöglich, nicht in kriminelle Bahnen zu geraten.

Ausnahmezustand in Los Angeles und zwischen den rivalisierenden Crips und Bloods
Ausnahmezustand in Los Angeles und zwischen den rivalisierenden Crips und Bloods

Straight Outta Compton zeigt die andauernde Schikane und polizeiliche Willkür, der vorwiegend schwarze Mitbürger ausgesetzt wurden und werden, als alltägliches Phänomen. Der 29. April 1992 symbolisiert die angestaute Wut und Frustration und zeigt die Entladung dessen als tragische, aber logische Konsequenz. Auch wenn dieses Kapitel im Film nur einen kleinen Teil einnimmt, ist es enorm wichtig, um die Geschichte in einen nachvollziehbaren Kontext setzen zu können.

 

The_L.A._Riot_Spectacular

Eine ganz andere Herangehensweise an das Thema versucht The L.A. Riot Spectacular. Hier nähert man sich mit satirischem Ansatz den Unruhen und wie es dazu kam. Teilweise schaffen die Macher es auch – vorausgesetzt, man bringt ein wenig Hintergrundwissen mit -, aber sobald fiktive Szenen mit realen Aufnahmen der Vorfälle vermischt werden, bleibt einem das Lachen im Halse stecken und der humoristische Aspekt eher fragwürdig.

Momentan befinden sich weitere Projekte, die sich mit den Riots beschäftigen, in der Entwicklungsphase. In dem Film April 29, 1992, in dem Ice Cube und dessen Sohn O’Shea Jackson Jr. die Hauptrollen spielen sollen, geht es um einen Ex-Sträfling, der inmitten der Ausschreitungen seinen Sohn aus einer kritischen Lage befreien muss. Ein weiteres Projekt, das den schlichten Titel L.A. Riots trägt, befindet sich ebenfalls noch in der Entwicklungsphase. Für Regie und Drehbuch zeichnet John Ridley verantwortlich, der für das Skript zu 12 Years A Slave mit einem Oscar® ausgezeichnet wurde. Eine Dokumentation namens Let It Fall: L.A. 1982-1992, ebenfalls von Ridley, wurde für Ende des Jahres angekündigt. Außerdem hat sich Netflix die Rechte an Spike Lees Film Rodney King gesichert. Die One-Man-Show mit Roger Guenveur Smith in der Hauptrolle soll am 28. April ihre Premiere feiern – genau ein Tag bevor sich die Vorfälle zum 25. Mal jähren.

Wer sich selber ein Bild von den erschütternden Ereignissen 1992 machen möchte, der findet auf YouTube tonnenweise Material oder liest sich durch die Geschichte von South Central, die noch einmal verdeutlicht, dass die Riots einen komplexeren, tiefgreifenderen Hintergrund haben. Auch SPIEGEL TV berichtete.

Übrigens wurden ein Jahr nach den Unruhen zumindest zwei der am Rodney-King-Vorfall beteiligten Beamten zu 30 Monaten Haft verurteilt. Währenddessen traf man in Los Angeles bereits entsprechende Sicherheitsvorkehrungen. Zu einer Ausschreitung in der Größenordnung des vorherigen Jahres kam es nicht.

Rodney King ein Jahr nach der Misshandlung

Zu guter Letzt möchte ich euch noch ein paar Filmtipps auf den Weg geben, die entweder in den Problembezirken der Unruhen spielen und/oder die Geschichte afroamerikanischer Bürger in den USA thematisieren.

Menace II Society und Boyz N The Hood sind die ersten Filme, die mir zum Thema South Central, L.A. einfallen. Beides zweifellos gelungene Regiedebüts, die durch Authentizität glänzen und den Alltag im „Ghetto“ in seiner schonungslosen Art schildern. Zwei weitere Vertreter sind Colors und South Central, aber beide habe ich zu lange nicht gesehen, um ein adäquates Urteil zu bilden.

Weitere Empfehlungen, die zum allgemeinen Verständnis beitragen, sind Wer die Nachtigall störtMississippi Burning, Die Jury, die Dokumentationen The Black Power Mixtape und Crips And Bloods: Made In America sowie die verstärkt in den letzten Jahren veröffentlichten Aufarbeitungen 12 Years A Slave, Selma, Der Butler und The Help. Aber bei all den Vertretern, die sich weitestgehend ernsthaft mit der Geschichte beschäftigen, dürfen Blaxploitation-Klassiker wie Shaft, Coffy und Foxy Brown natürlich nicht vergessen werden – gaben sie der schwarzen Community doch ein Ventil, Bewusstsein und Kino, mit dem sie sich identifizieren konnten.

Zudem kann ich jedem Interessierten das Buch In den Straßen die Wut (Originaltitel: „All Involved“), erschienen beim Rowohlt Verlag, empfehlen. In der sogenannten „sourced fiction“ schildert Autor Ryan Gattis die sechs Tage aus der Sicht mehrerer Personen und fängt somit die Unruhen sowie die Hintergründe, die dazu geführt haben, aus unterschiedlichen Perspektiven ein. Der Roman ist unter anderem bei Amazon erhältlich.

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© Rowohlt Verlag

Vorfälle wie die L.A. Riots haben sich bis heute glücklicherweise nicht wiederholt, das Problem der Rassendiskriminierung bleibt jedoch präsent und dominiert mal mehr, mal weniger die Schlagzeilen.

Die Bitte, die Rodney King während der Ausschreitungen ans Volk gerichtet hat, ist zeitlos, simpel in ihrer Aussage, aber leider illusorisch in ihrer Umsetzung:

„Can we all get along?“

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