Garcias Retrospektive: CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER

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© MGM

Ein kleiner Film für Brian De Palma, ein großer für das Horrorgenre. Okay, dass es ein kleiner Film sei, wertet die Arbeit des Regisseurs ab, da er bereits Monate vor den Dreharbeiten Zeit und Leidenschaft investiert und mindestens genauso viel Herzblut und Schaffenskraft in das Projekt gesteckt hat, wie in seine späteren Filme. Denkt man jedoch an De Palma, schießen einem unweigerlich „Scarface“ (Lieblingsfilm!), „The Untouchables“ (hört euch das Intro von Morricone an, großartig!) oder „Carlito’s Way“ durch den Kopf. Doch welcher Film war es, der ihm Türen öffnete und die Möglichkeit verschaffte, eben diese Projekte umzusetzen?

Carrie White ist Schülerin an der Bates High School und wird dort ständig von ihren – fast ausschließlich – Mitschülerinnen gemobbt. Selbstbewusstsein hat sie keins, muss sie sich doch auch zu Hause ihrer fanatisch religiösen Mutter Margaret unterwerfen. Die Mutter hasst das männliche Geschlecht, hätte Carrie gerne abgetrieben und bezeichnet Brüste als „dirtypillows“.  Und wenn das Kind nicht pariert oder mal querschießt, geht’s zur Strafe für eine Weile in die Kammer, um Buße zu tun. Einzig die Klassenkameradin Sue Snell plagt hier und da das schlechte Gewissen, wenn Carrie mal wieder zur Zielscheibe des Spotts wird. Als es nach dem Sportunterricht in der Mädchendusche zu einer weiteren (ziemlich verstörenden) Erniedrigung kommt, platzt der Lehrerin Miss Collins der Geduldsfaden. Sie verbietet allen beteiligten Mädchen die Teilnahme am Abschlussball – außer Carrie natürlich. Und damit dieser Abend, abseits von potenzieller Häme durch die Klassenkameradinnen, der schönste ihres bisher eher tristen Lebens wird, bittet Miss Collins Sue, deren Freund Tommy für diesen besonderen Anlass an Carrie auszuleihen, um sie zum Ball zu begleiten. In der Theorie eine gute Idee, in der Praxis nimmt das Ganze leider, aber wie zu erwarten, ein böses Ende…

Ein Ende, in dem die damals 27-jährige Sissy Spacek bravourös unter Beweis stellt, warum genau sie die richtige Wahl für die Rolle der gebrochenen, verunsicherten Teenagerin ist und zu Recht für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert wurde. Brian De Palma sah das anfangs anders und empfahl ihr, lieber einen Werbespot zu drehen, der ihr parallel angeboten wurde. Versessen auf die Rolle wie die Filmmutter auf Gott, probierte Spacek es ein zweites Mal in voller Montur: fettige Haare, erzkonservatives Kleid und ein ungewaschenes Gesicht überzeugten letztendlich.

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Ein Großteil der Besetzung besteht aus den Resten des „Star Wars“-Castings. De Palma und George Lucas teilten sich die Casting-Location und während motivierte Jungstars als Luke Skywalker und Co. vorsprachen, saß De Palma in der Ecke und wartete auf die „Überbleibsel“, darunter William Katt, der kein Luke, dafür aber Tommy Ross wurde und nicht mit der dunklen, sondern mit einer telepathischen Macht zu kämpfen hatte.

Für Amy Irving alias Sue Snell alias Steven Spielbergs zukünftige Ex-Frau war es das Leinwanddebüt. Sie war auch die einzige Darstellerin aus dem Original, die in der Fortsetzung „Carrie 2 – Die Rache“ von 1999 mitwirkte. Damit schlug man zwar eine Brücke zum De-Palma-Werk, der Erfolg, den der Vorgänger hatte, blieb allerdings aus. Bei einem Budget von gerade einmal 1,8 Millionen US-Dollar spielte der Film allein an den amerikanischen Kinokassen mehr als das 18-fache ein und erzielte letztendlich ein Einspiel von 33,8 Millionen US-Dollar.

Nicht nur De Palmas Karriere wurde beflügelt vom großen kommerziellen Erfolg an den Kinokassen. Auch Stephen King, der die Romanvorlage lieferte, profitierte von der gekonnten Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Horror! Nach anfangs eher mäßigen Verkaufszahlen, wurden von der Softcover-Variante ein Jahr nach Erscheinen des Buchs im Jahr 1974 über 1 Million Exemplare abgesetzt.

Auch wenn ich die filmischen Adaptionen seiner Romane gerne sehe, – sowohl die laut Fans und Kritik weniger gelungenen, als auch die, die King persönlich nicht mag oder gar hasst – muss ich zugeben, dass „Carrie“ das einzige Werk des Autors ist, das ich komplett gelesen habe. Kennt man den Roman, fällt einem beim Sichten des Films ein gravierender Unterschied auf: (Spoiler: Markieren, um zu lesen) Während im Buch am Ende die ganze Stadt in Flammen steht, ist es im Film „nur“ die Schule bzw. die Turnhalle, in welcher der Abschlussball stattfindet, die niederbrennt (Spoiler Ende). Dass man sich aus Kostengründen dagegen entschied, tut dem Film keinen Abbruch, da das Finale in seiner Intensität dennoch gelungen ist und man mit der letzten Szene einen effektiven Schocker eingebaut hat, der so wiederum nicht im Buch vorkam und sogar King neidisch werden ließ. In einer Szene während des Films fahren Nancy Allen und John Travolta im Auto herum. Dabei hören sie einen Motown-Klassiker von Martha & The Vandellas, der bereits das unheilvolle Ende prophezeit.

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Das solide Remake von 2013 mit Chloë Grace Moretz als Carrie und Julianne Moore in der Rolle ihrer durchgeknallten Mutter verfügt übrigens über das Ende, wie es im Buch steht.

In vielen seiner Filme verweist De Palma gerne und oft auf sein Vorbild und seine Inspirationsquelle Alfred Hitchcock. Auch hier lässt es sich der Regisseur nicht nehmen, dem ‚Master of Suspense‘ zu huldigen. Da wäre zum einen der oben bereits erwähnte Name der Schule, „Bates High School“! Eine weitere Referenz zu „Psycho“ findet sich in den abgehackten Violintönen, die bereits die berühmte Duschszene so legendär gemacht haben und in „Carrie“ zur Untermalung der kurzen Wutausbrüche dienen. Zum Beispiel, als ein kleiner Junge (Brian De Palmas Neffe) mit dem Fahrrad um das Mädchen kreist, während er ständig „Creepy Carrie“ ruft und anschließend hinfällt. Übrigens: Die Stimme des Jungen ist nicht seine eigene. Betty Buckley, die im Film Miss Collins spielt, synchronisierte den Kleinen. Eine schwindelerregende Kamerafahrt beim Abschlussball-Tanz von Carrie und Tommy erinnert an „Vertigo“.

Trotz diverser Verweise und dem Fakt, dass es sich hier um eine Romanverfilmung handelt, die sich nahe an die Vorlage hält: De Palma kreiert ein eigenständiges Werk, das seine Stärken, eine von Anfang bis Ende fesselnde Geschichte durch das geschickte und teils unkonventionelle Zusammenspiel effektvoller Bilder und intensiver Musik zu erzählen, früh erkennen lässt. Als dramaturgischen Kniff nutzt er Stilmittel wie den Splitscreen oder die sogenannte ‚geteilte Linse‘ (in der einen Hälfte des Bildes liegt der Fokus auf dem Vordergrund, in der anderen Hälfte auf dem Geschehen im Hintergrund). Das muss nicht jedem gefallen, erweist sich aber als dienlich, um das Chaos und den Terror im Finale visuell zu verstärken.

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Noch ein Fun-Fact, der sich narrativ nirgendwo sinnvoll einbinden ließ:
Bill Paxton, bekannt aus „Aliens“, „Predator 2“ oder „Twister“, arbeitete in der Pre-Production als junger und eifriger Assistent im Art Department und brachte den Location-Vorschlag für die Fleischfabrik „Farmer John’s“, in der u.a. John Travolta und Nancy Allen das Schweineblut holen, mit welchem Carrie überschüttet wird.

„Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ wurde sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray in diversen Varianten veröffentlicht. Neben dem Remake und der Fortsetzung gab es 2002 auch eine TV-Adaption, die bei Erfolg in Serie gegangen wäre. Wäre …

Trotz allem gilt „Carrie“ von 1976 für mich als beste Adaption, psychologische Studie und mitreißendes Horrordrama, dessen Grundaussage auch heute noch greift und (nicht nur deshalb) getrost als zeitloser Klassiker des Horrorkinos bezeichnet werden kann!

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Klick auf Bild, um Trailer zu sehen © MGM

In diesem Sinne: If you have a taste for terror, you have a date with Carrie!

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