Garcias Review: THE STRAIGHT STORY

Alvin Ray Straight starb am 9. November 1996. Drei Jahre zuvor begab er sich auf eine Reise, um seinen schwer erkrankten Bruder zu besuchen. Dies ist seine Geschichte …

Laurens, Iowa: Rose Straight verlässt gerade das Haus, um ein paar Besorgungen zu machen. Kurz danach hört man ein Geräusch aus dem Anwesen, das erahnen lässt, dass da gerade jemand gestürzt ist. Als Rose zurückkommt, sieht sie ihren Vater Alvin auf dem Boden liegen. Seine angeschlagene Hüfte macht es ihm schwer bis unmöglich, aufzustehen, weshalb er eine gefühlte Ewigkeit in dieser Position verharren musste. Alvin ist 73 Jahre alt, ein Sturrkopf, raucht wider ärztlichem Verbot und hat so ziemlich alles erlebt, was man als in die Jahre gekommener Mann erleben kann.

© Senator
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Eines Abends reißt ein Anruf ihn aus seinem routinierten Alltag: Sein Bruder Lyle hatte einen schweren Schlaganfall. Sein Bruder, den er aufgrund eines Streits 10 Jahre nicht gesprochen hat, wird vielleicht bald sterben. Daraufhin fasst Alvin den Entschluss, seinen Bruder zu besuchen. Mit seinem Rasenmäher macht sich der zwar geistig fitte, aber physisch angeschlagene Mann auf den weiten Weg nach Wisconsin…

Die Geschichte klingt nach einem klassischen David-Lynch-Film? Nicht wirklich? Aber so ist es! Und um es vorweg zu sagen, er ist einer seiner besten Filme. Lynch soll einmal gesagt haben, „The Straight Story“ sei sein experimentellster Film. Bedeutet für uns, dass wir ihn verstehen. Endlich kann man sagen, man hätte einen David-Lynch-Film verstanden, ohne zu lügen oder in schier unendlichen Interpretationsmöglichkeiten zu ersticken! Neben „Der Elefantenmensch“ ist es sein zugänglichster Film. Anders als in seinen Werken wie „Eraserhead“, „Mulholland Drive“ oder „Lost Highway“ verzichtet Lynch auf verschachtelte Zeit- und Handlungsebenen, schizophrene Gestalten und albtraumhaften Surrealismus.

Der Titel des Films hat also zweierlei Bedeutung. Sowohl hinsichtlich des Namens der Hauptfigur als auch der geradlinigen Erzählung, welche für den Regisseur bekanntlich eher ungewöhnlich ist. Ein Mann fährt auf einem Rasenmäher hunderte von Kilometern, um den langjährigen Streit mit seinem Bruder beizulegen. Fertig!

© Senator
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„The Straight Story“ ist, was das Erzähltempo angeht, ein filmgewordener Rentner und garantiert nichts für einen heiteren Filmabend mit Freunden, Bier und Chips. Eher etwas für einen gediegenen Filmabend allein – mit Bier und Chips! Die Geschichte nimmt sich Zeit, kommt langsam in die Gänge, bietet aber somit die Möglichkeit, sich in die intendierte Stimmung hineinzuversetzen. Zum Einsatz kommende Mittel wie der anfängliche Handlungsort – das idyllische Städtchen Laurens irgendwo im Nirgendwo -, eine unaufgeregte Kameraführung und die eingängige Musik von Haus- und Hofkomponist Angelo Badalamenti untermauern den angenehm ruhigen Erzählstil.

Richard Farnsworth in der Rolle des titelgebenden Alvin Straight überzeugt auf ganzer Linie. Sein melancholisch angehauchtes Schauspiel rührt zu Tränen. Als Zigarillo (oder sind das schon Zigarren?) paffender Mann, der auf seinem langen Weg nach Wisconsin einige der schönsten Landschaften der USA durchquert, lernt er – wie es für einen Road Movie typisch ist – verschiedene Personen kennen. Allein seine Begegnung mit einer hysterischen Frau, die regelmäßig auf ihrem Arbeitsweg mit ihrem Auto unabsichtlich Hirsche ins Jenseits befördert, ist bezeichnend. Die Frau ist am Verzweifeln, Alvin hat Verständnis für ihr Verhalten, reagiert jedoch abgeklärt. Warum darüber aufregen, in ein paar Jahren ist es eh vergessen und man kann vielleicht darüber lachen. 73 Jahre Lebenserfahrung lassen ihn die kleinen Schicksalsschläge mit Besonnenheit betrachten.

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Nicht so das Schicksal seiner Tochter Rose. Anfangs habe ich die von Sissy Spacek (großartige) tragikomische Verkörperung der in ihrer Aussprache holprigen und in ihrem Verhalten etwas unbeholfenen Tochter noch belächelt – bis Alvin einer Tramperin erzählt, warum sie alleine bei ihrem Vater lebt. Ich werde an dieser Stelle natürlich nichts verraten, aber der Schnitt auf sie, wie sie am Fenster sitzt, während Alvin von ihrem Schicksal erzählt, geht durch Mark und Bein und lässt die Figur plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Farnsworth verkörpert die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod und es ist dieses Element, das den Film so emotional mitreißend macht. „Und was ist das Schlimmste am Altwerden, Alvin?“ – „Das Schlimmste am Altwerden ist die Erinnerung an die Jugend!“

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Es mag der zugänglichste, der normalste Film des „Twin Peaks“-Schöpfers sein, hin und wieder nimmt die Inszenierung dennoch lyncheske Züge an und sorgt für den Wiedererkennungswert seines Stils. Nicht zuletzt, weil auch hier diverse Szenen zum fröhlichen Interpretieren einladen. Übrigens: Wie bei „Mulholland Drive“ gibt es auf den DVD-Veröffentlichungen von „The Straight Story“ kein Kapitelmenü, da sonst die Wirkung des Gesamtwerks verloren ginge und eine Unterteilung in Abschnitte nicht ermöglichen würde, sich der Erzählung hinzugeben.

Der tragischerweise schwer an Krebs erkrankte Hauptdarsteller beging aufgrund dessen kurz nach den Dreharbeiten Suizid. Mit „The Straight Story“ hat David Lynch ihm ein würdiges Denkmal gesetzt.

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